Die spanische Supermarktkette Mercadona bringt seit Neuestem automatisierte Gesichtserkennungssysteme mit der Begründung zum Einsatz, Diebstahl eindämmen zu wollen. Die Software soll in vierzig der über 1.600 Einkaufsmärkte im Testbetrieb laufen und Menschen aufspüren, die ein gerichtliches Zutrittsverbot im Supermarkt haben.
Die Mercadona-Kette, die besonders in Barcelona, Madrid, Alicante, Castellón, Saragossa, Mallorca und Valencia verbreitet ist und in Spanien einen Marktanteil von über zwanzig Prozent hat, setzt auf ein System von AnyVision Interactive Technologies, an dem auch die deutsche Firma Bosch beteiligt ist. Das israelische Unternehmen bietet neben Gesichtserkennung auch weitere biometrische Systeme zur Vermessung von Körpermerkmalen an, die dem Hype folgend als Künstliche-Intelligenz-Systeme vermarktet werden.
Die Gesichtserkennung soll dem Diebstahl in den Filialen entgegenwirken. Nach eigenen Angaben belaufen sich die Verluste durch Diebstähle in Mercadona-Supermärkten auf etwa 250 Millionen Euro pro Jahr, was rund ein Prozent des Umsatzes des Konzerns ausmacht.
Die Software des Pilotversuchs soll allerdings nicht nach gewöhnlichen Ladendieben im Markt Ausschau halten, sondern nach den Gesichtern von rechtskräftig Verurteilten suchen, denen ein Zutrittsverbot ausgesprochen wurde. Die Referenz-Bilder stammen entsprechend aus den Gerichtsverfahren.

Was passiert mit den Daten der Gerasterten?
Angesichts der derzeit verbreiteten Maskennutzung aufgrund der Covid19-Pandemie, die das Vermessen von Gesichtern erschwert, scheint der Zeitpunkt des Biometrietests ungewöhnlich. Allerdings werben einige Anbieter damit, Gesichter trotz Masken erkennen zu können. Das behauptet AnyVision zwar nicht, betreibt in Israel aber Systeme zur Erkennung von Masken in Krankenhäusern. Das könnte auch für Supermärkte interessant sein, die eine Maskenpflicht durchsetzen wollen oder müssen. Dazu gehören die Mercadona-Supermärkte aber bisher nicht.
Gegenüber El Confidencial betont Mercadona, dass keine Daten der gerasterten Passanten aufgehoben würden. Man gebe nur die Ergebnisse an die Behörden weiter:
Permite detectar la infracción y, tras contrastar científicamente que se trata de esta persona, se notifica a las fuerzas y cuerpos de seguridad, responsables de hacer cumplir la medida en vigor adoptada por el juzgado correspondiente.
Es gehe also darum, Übertretungen von gerichtlichen Anordnungen zu detektieren, nachdem ein Gesicht verglichen und einem Rechtsverletzer zugeordnet wurde. In diesem Fall würden die entsprechenden Sicherheitsbehörden benachrichtigt, das System würde dann die Bilder selbständig löschen.
Kritiker sind damit nicht zufrieden. Dazu gehört Professor Borja Adsuara Varela, der die Supermarktkette öffentlich nach Details fragte und via Twitter auch eine Diskussion auslöste, indem er die Frage aufwarf, ob es denn verhältnismäßig sein könne, ein solches Gesichtserkennungssystem in Betrieb zu nehmen und dabei alle Kunden zu erfassen, wenn es doch eine sehr überschaubare Zahl von Personen geben dürfte, die gerichtlich festgestellt ein Zutrittsverbot zu den Läden von Mercadona hätten oder sich einem Mitarbeiter nicht nähern dürften.
Gesichtserkennung in anderen Supermärkten zurückgenommen
In den letzten Jahren hatten Supermarktketten in Europa mehrfach Pilotprojekte mit automatisierter Gesichtserkennung gestartet. In Deutschland waren im Jahr 2017 solche Gesichtserkennungssysteme beispielsweise in vierzig Filialen der Kette Real erprobt worden. Nach Protesten ließ man von der Fortführung des Tests aber ab. Populär ist biometrische Gesichtsvermessung ohnehin nicht: In Deutschland sprachen sich laut einer repräsentativen Umfrage mehr als drei Viertel der Menschen gegen eine Aufzeichnung und Auswertung von Gesichtern beim Einkaufen aus.
Mit gutem Grund ist Skepsis gegenüber automatisierter Gesichtserkennung angebracht, denn es geht schließlich um die anlasslose Vermessung und Auswertung von Körperdaten der Vorbeilaufenden. Die Erkennung von Gesichtern ist zwar über die Jahre qualitativ erheblich besser geworden, so dass die Fehlerquoten nicht mehr so drastisch sind. Damit reduzieren sich die Falscherkennungen, wenn also fälschlicherweise Passanten von der Software als Gesuchte ausgegeben werden und ihnen damit das Leben schwergemacht wird. Allerdings ist mit der Verbesserung der biometrischen Technologien auch ein enormes Missbrauchspotential entstanden. So werden heute etwa die Ethnien der Menschen besser erkannt, was zu automatisierter Diskriminierung führen kann.
Der Einsatz von Technologien zur Körpervermessung in privaten Räumen wie Einkaufsmärkten ist zudem oft wenig reguliert. Eine Auszeichnung ist in Europa zwar zwingend, allerdings müssen kommerzielle Unternehmen keine detaillierten Informationen zur Technik an ihre Kunden und andere Betroffene herausgeben.
